Schlagwort: Kritische Medizin und Wissenschaft

  • Gefährdete Kinder- und Jugendgesundheit – Was uns krank macht – und was uns stark und gesund macht

    Gefährdete Kinder- und Jugendgesundheit – Was uns krank macht – und was uns stark und gesund macht

    Viele Kinder und Jugendliche haben heute ernsthafte gesundheitliche Probleme. Welche Probleme sind das? Woran liegt das? Und was kann man tun, um sich gesund, fit und stark zu halten?

    Ein großes Problem für viele ist Übergewicht und Adipositas bei ca. 15% der Jugendlichen haben. Von Adipositas spricht man bei einem Body-Mass-IndexI von mehr als 30. Das ist nicht nur ein kosmetisches Problem. Man bewegt sich meist weniger und riskiert damit auch Folgekrankheiten wie Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, Rücken- und Gelenkbelastung etc. Und es kann ja auch psychische Probleme machen, vor allem wenn man dann noch gemobbt wird. Woran liegt das?

    • Fehlernährung mit süßen Speisen und Getränke, auch mit Süßstoffen, zuviel Kohlehydraten und ungesunde Fertigspeisen und zu wenig Gemüse und Obst. Verantwortlich für das Adopositas-Problem sind vor allem an der Lebensmittelkonzerne mit ihrer verlogenen Werbung – wogegen es seit Jahren Proteste gibt. Es müsste aber auch in Kitas und Schulen viel mehr über gesunde Ernährung aufgeklärt werden. Also informieren und den Mut haben, mehr auf gesunde Ernährung zu achten! Da braucht man keine Super-Diäten und es muss auch nicht vegan sein.
    • Es liegt auch an zu wenig Bewegung – nicht zuletzt durch Bequemlichkeit und stundenlange Beschäftigung mit Smartphone und Bildschirm. Im Kindes- und Jugendalter muss man sich jeden Tag bewegen, am besten auch regelmäßig Sport treiben – am besten zusammen mit Freunden. Das stärkt Körper und Psyche, das Immunsystem und stärkt auch das Selbstvertrauen. Sport hilft auch bei Depressionen und seelischen Problemen.

    Immer mehr Kinder und Jugendliche haben heute mit seelischen Problemen zu kämpfen: Depressionen, Angststörungen, Vereinsamung, Essstörungen und Sucht. Dabei geht es nicht nur um Drogensucht, sondern auch um Esssucht, Internetsucht. Mit der Covid-Pandemie hat das noch sprunghaft zugenommen, weil Schüler viel zu lange zuhause eingesperrt und unnötig Angst und Schrecken verbreitet wurde. Die Jugend musste den größten Preis für eine verfehlte Pandemiepolitik bezahlen. Man könnte heute sogar von einer „Pandemie der psychischen Gesundheit“ sprechen Prof. Z. U. Corell (Kinderpsychiatrie der Carité/Berlin).

    Was sind die Ursachen? Für eine gesunde psychomotorische Entwicklung braucht es eine gesunde Umgebung

    • Platz zum Spielen und Toben,
    • gesunde Ernährung,
    • aktive Zuwendung der Eltern, Familie und der Erzieher/innen.

    Genau daran fehlt es häufig, vor allem in Familien, die besonders von Armut betroffen sind. 18,5 % der Kinder in NRW sind von Armut betroffen. In armen Städten wie Gelsenkirchen ist es fast die Hälfte – Tendenz steigend. Immer mehr Familien geraten in eine Zerreißprobe. Kinder mit Handicaps und von alleinerziehenden Mütter sind noch häufiger belastet.

    Damit wächst auch der Stress und Druck auf die Kinder. Oft leidet dann auch die Sprachentwicklung. In Gelsenkirchen müssen demnächst ca. 60 % der Kinder vor der Einschulung ABC-Klassen besuchen, um die Grundschule besuchen zu können. Wie das finanziert werden soll, ist bis heute schleierhaft.

    Kinder und Jugendliche v.a. in Großstädten wachsen oft in einem „toxischen Umfeld“ auf: Fehlender Rückhalt in der Familie, überforderte Kitas und Schulen, die personell und räumlich unzureichend ausgestattet sind und in denen kaum noch (Früh-)Förderung stattfindet, fehlende Jugend- und Freizeiteinrichtungen, fehlende Ausbildungs- und Arbeitsplätze, Gefährdung durch Drogen.

    Hinzu kommen die sog. „soziale Medien“ mit einer unkontrollierten Flut von überflüssiger Werbung, sinnloser Gewalt und manipulativer Jugendkultur. Diese behindern selbstständiges Denken, soziale und emotionale Kompetenz – und begünstigen Suchtverhalten, Bewegungsarmut, Entwicklungsstörungen, sozialen Rückzug, Depressionen, Angststörungen. Das bedeutet eine staatlich geduldete – zum Teil sogar geförderte – Kindeswohlgefährdung, weil Kinder und Jugendliche besonders schutzbedürftig sind. Jahrelang wurde von Internetkonzernen und der Regierung die Trommel gerührt für die digitale Aufrüstung sogar in den Grundschulen. Jetzt endlich beginnt ein Umdenken. „Jede Stunde von unnützem digitalen Medienkonsum fehlt an sinnvoller analoger Aktivität“ sagt der Neurowissenschaftler Prof. G. Hüther. Wir fordern Handyverbot für Kinder und die Begrenzung des unkontrollierten Zugangs zu sozialen Medien. Es muss auch endlich Schluss sein mit der Verbreitung von sinnloser Gewalt und Sexismus im Internet und in den Medien.

    Kinder und Jugendliche sind besonders betroffen von Umweltgiften und Umweltzstörung – insbesondere Feinstaub, Mikroplastik, Lärm etc. Und dann noch eine hohe Umweltbelastung. Sie sind auch besonders belastet von der aktuellen Krisen- und Kriegsentwicklung. Die Folgen von körperlicher und psychischer Traumatisierung – für Kinder und Jugendliche aus Flüchtlings-Camps und Hungergebieten Afrikas, aus Kriegsgebieten in Gaza, Libanon, der Ukraine – das alles ist kein Thema bei den Krisensitzungen und Kriegsplänen der Mächtigen. Auch bei den Gesundheitsreformen hierzulande spielt die Kinder- und Jugendgesundheit praktisch keine Rolle. Das zeigt, wie das imperialistische System zur Jugend und zu ihrer Zukunft steht. Ein Problem liegt auch in dem Mangel an kinder- und jugendärztlichen Betreuung. Viele Kinderkliniken wurden geschlossen – weil sie nicht profitabel waren! Monatelang müssen Kinder und Jugendliche mit ernsten psychischen Problemen auf einen Termin beim Psychotherapeuten warten, in unserer Stadt länger als sechs Monate!

    Gesundheitsprävention und Gesundheitserziehung finden in Kitas und Schulen viel zu wenig statt. Ohne Rat und Unterstützung durch Eltern, Erzieher, Lehrer, Freunde ist es für viele Jugendliche sehr schwer, eine sinnvolle Perspektive für ihren Lebensweg zu finden.

    Umso wichtiger ist es, darüber sprechen, was Kinder und Jugendliche gesund und stark macht. Eine afrikanische Weisheit sagt: „Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln. Wenn sie größer werden, gib ihnen Flügel“. Wir müssen die Kinder schützen, ihnen Zuwendung und Zeit geben. Kinder mit einem Smartphone ruhig zu stellen, ist unverantwortlich. Die Kinder und Jugendlichen von den Problemen dieser Welt fern zu halten, ist ebenfalls falsch. Wofür wir eintreten sollten:

    • Um Kindern wirklich allseitig zu fördern müssen Schulen und Kitas personell viel besser ausgestattet werden! Schluss mit der Auslese. Kein Kind und kein Jugendlicher darf zurückbleiben!
    • Die Gesundheitserziehung und -prävention muss systematisch ausgebaut werden – in Kitas, Schulen, im öffentlichem Gesundheitsdienst und Arztpraxen!
    • Kinder und Jugendliche herausfordern, sie stark machen und ihr Selbstvertrauen stärken!
    • Konsequenter Kampf gegen Drogen und Suchtverhalten!
    • Beschränkung des Konsums von „sozialen Medien“. Kampf gegen Cyber-Mobbing und gegen eine krankmachende Ego-, Konsum- und Gewaltkultur!
    • Werbeverbot für krankmachende Lebensmittel
    • Sportförderung. Kostenlose Sport- und Kulturangebote, Schwimmkurse für alle
    • Kampf gegen Armutsgesetze und Sozialabbau!
    • Konsequent gegen Militarisierung und imperialistische Kriegsvorbereitung. Keine Bundeswehrwerbung an Schulen.

    Der Jugendverband Rebell fördert eine gesundheitsbewusste, positive Lebenseinstellung, Freundschaft, Zusammenhalt – und den gemeinsamen Kampf um eine lebenswerte Zukunft!

  • „Das Spitalsystem wird kollabieren“


    Bernd Hontschik / Fürsorge und Profitstreben passen nicht zusammen. Das wusste ein Nobelpreisträger – aber die Politik ignoriert es.

    Das deutsche Gesundheitswesen kommt nicht zur Ruhe. Was heute verkündet wird, ist morgen schon wieder verworfen. Das Chaos begann 2022 mit einer angekündigten Revolution. Gesundheitsminister Karl Lauterbach hatte eine 17-köpfige Kommission berufen, die einen Weg aus der alarmierenden Situation der Spitäler finden sollte. 

    Wegen der Fallpauschalen (DRGs) diktierte das Gewinninteresse den medizinischen Alltag, eine massenhafte Flucht aus den Pflegeberufen war eingetreten, das ärztliche Personal klagte über unerträglichen ökonomischen Druck bei der Arbeit, und die undurchdringliche Trennung zwischen ambulanter Medizin und den Kliniken verursachte eine grandiose Verschwendung von personellen und finanziellen Ressourcen. 

    «Es brennt lichterloh», sagte Tom Bschor, der Vorsitzende der Regierungskommission, das Gesundheitswesen sei in eine gefährliche Schieflage geraten, und ohne grundlegende Veränderungen werde das ganze System alsbald «kollabieren».


    Ein Wortungetüm wird Gesetz …

    Mit den Vorschlägen der Kommission trat Karl Lauterbach 2022 an die Öffentlichkeit. Statt der reinen Finanzierung über Fallpauschalen sollte ein Zwei-Säulen-System von Vorhaltepauschalen (60 Prozent) und Fallpauschalen (nur noch 40 Prozent) entstehen. Vorgeschlagen wurden 128 Leistungsgruppen, um Versorgungsqualität definieren zu können.

    Eine Einteilung der Spitäler in drei Versorgungsstufen (Grundversorgung, Regelversorgung, Maximalversorgung) sollte verhindern, dass Krankenhäuser Behandlungen vornehmen, für die sie nicht eingerichtet sind, für die aber viel Geld winkt: Ohne Katheterplatz keine Herzinfarktbehandlung, ohne Stroke-Unit keine Schlaganfallbehandlung, ohne zertifiziertes Zentrum keine Krebsbehandlung. Das Ganze nannte Lauterbach das «Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsqualität im Krankenhaus und zur Reform der Vergütungsstrukturen» (Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz — KHVVG). Was für ein Wortungetüm! 

    Wie zu erwarten war, gab es viele Reaktionen – von vorsichtiger Zustimmung einiger Krankenkassen bis zu pauschaler Ablehnung wie zum Beispiel vom damaligen bayerischen Gesundheitsminister Klaus Holetschek, der das Ganze als «unzumutbar und nicht akzeptabel» bezeichnete, denn das sei ein «zentral gesteuertes, quasi planwirtschaftliches und hochtheoretisches System», mit enormer Bürokratie verbunden. Man greife in die Hoheit der Länder ein, ergänzte er entsetzt. 

    Nachdenklichere Stimmen hingegen zweifelten zwar nicht an der Notwendigkeit einer Reform, befürchteten aber eine Beschleunigung des Spitalsterbens, insbesondere von kleineren Häusern auf dem Land, was für die Kranken immer weitere Wege zu einer Versorgung nach sich ziehe. Die halbherzige Reduktion der Fallpauschalen bezeichneten sie als gefährlich. 


    … und sogleich wieder verwässert

    Es dauerte bis Anfang 2025, bis die zum Teil längst zerredeten Reste des Gesetzes endlich in Kraft treten konnten. Die neue Bundesregierung machte sich aber rasch an die Arbeit, das Konzept noch weiter zu verwässern. Sie nannte es das «Krankenhausreformanpassungsgesetz» (KHAG), wie erfinderisch! 

    Es hat keinen Sinn, sich mit all den Streitereien, Sitzungen und Kommissionen seitdem zu beschäftigen, denn sie haben bis jetzt nicht viel zustande gebracht. In der Koalition herrscht Dissens, und die Bundesländer sehen sich an den Rand gedrängt. Man hat inzwischen gar nicht mehr den Eindruck, dass es um Gesundheit und Krankheit geht, um Krankenhäuser. Die eigentliche grundlegende Problematik ist völlig aus den Augen geraten, nämlich die Profitorientierung. 


    Spitäler müssen gemeinnützig sein

    Der berühmte Nobelpreisträger Bernard Lown sagte dazu einmal: «Ein profitorientiertes Gesundheitswesen ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. In dem Augenblick, in dem die Fürsorge dem Profit dient, hat sie die wahre Fürsorge verloren.» 

    Was wäre also zu tun? Spitäler müssten allein nach ihrem Auftrag finanziert werden. Sie müssten Teil der staatlichen Daseinsvorsorge sein, ihre Rechtsform muss eine gemeinnützige sein. Gewinne im Krankenhaus müssten im System bleiben und reinvestiert werden.

    Börsennotierter Privatbesitz muss im Spitalbereich tabu sein. Die konkrete Medizin am Krankenbett muss von jedem ökonomischen Diktat befreit werden. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann man von einer Krankenhausplanung sprechen, die diesen Namen verdient. Davon kann man aber weder im KHVVG noch im KHAG auch nur ein Wort finden.

  • Arzneimittel: «Wir verzichten zunehmend auf solide Forschung»


    Martina Frei /  Mit «real world»-Daten lasse sich der Nutzen von Medikamenten nicht ermitteln, sagt ein Experte für Medikamentenbewertung.


    Jürgen Windeler leitete von 2010 bis 2023 das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Es untersucht den Nutzen neuer Medikamente. Im Interview sagt Windeler auch, welche Fragen Patienten mit ernsten Erkrankungen stellen sollten, bevor sie sich für oder gegen eine Behandlung entscheiden.


    Pharmafirmen drängen darauf, dass in der Forschung verstärkt «real world»-Daten berücksichtigt werden. Was versteht man darunter?


    Jürgen Windeler: Das sind Daten, die mehr oder weniger spontan erhoben wurden, zum Beispiel Daten der Krankenkassen, aus Registern, aus Arzt- oder Spital-Informationssystemen, aus der elektronischen Patientenakte und vielem mehr. Man könnte sagen: alle Daten mit Ausnahme derer aus randomisierten kontrollierten Studien.


    Bei solchen randomisierten kontrollierten Studien werden die Teilnehmenden zufällig einer Behandlungs- oder einer Vergleichsgruppe zugeordnet. Die Versuchspersonen sind aber oft nicht repräsentativ für die Patienten, die das Medikament später in der Arztpraxis erhalten. Würden «real world»-Daten die Alltags-Realität besser abbilden?


    Das Argument, dass das Medikament in der Praxis schwächer oder stärker wirkt, wird immer wieder vorgebracht. Es gibt aber kaum Beweise, dass sich Ergebnisse aus randomisierten Zulassungs-Studien und der Nutzen in der Praxis wesentlich unterscheiden. Es gibt zudem Dutzende von Beispielen, wo man nur dank randomisierter kontrollierter Studien herausgefunden hat, dass eine bisherige Standardbehandlung Unsinn ist. Aufgrund dieser Studien wurde die ärztliche Praxis geändert. Die «real world»-Anhänger dagegen sind bisher jeden Beweis schuldig geblieben, dass solche Daten belastbare Aussagen bringen.


    Bis die Ergebnisse randomisierter Studien vorliegen, vergehen oft Jahre. Mit dem Zugriff auf «real world Daten» möchten Pharmafirmen die Forschungszeit verkürzen. Man könnte Zeit und Geld sparen.


    Um eine Aussage über ein Medikament machen zu können, brauchen Sie einen fairen Vergleich. Und wenn Sie wissen möchten, ob Sie dank einer Behandlung nach einem, zwei oder drei Jahren besser dran sind als ohne diese Behandlung, dann dauert die Studie eben so lange, ob randomisiert oder nicht. Solche Studien aufzugleisen, geht indes rasch – wenn man es wirklich will. Das beste Beispiel war die «Recovery»-Studie in Grossbritannien während der Corona-Pandemie. Dafür wurden innerhalb von sechs Wochen rund 15’000 Patienten rekrutiert. Es war beeindruckend, was andere da auf die Beine gestellt haben. In Deutschland wäre so etwas undenkbar gewesen.


    Zur Person

    © axentis.de / G.J.Lopat


    Professor Jürgen Windeler (geb. 1957) leitete von 2010 bis zu seiner Pensionierung 2023 das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Zu dessen Kernaufgaben gehört es, den Nutzen neuer Medikamente zu prüfen und Nutzen und den Schaden von medizinischen Massnahmen für Patientinnen und Patienten zu untersuchen. Davor arbeitete Windeler für den Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V., wo er u.a. den Fachbereich Evidenzbasierte Medizin leitete. Seit 2006 ist Jürgen Windeler ausserordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Er hat Medizin studiert und sich in Medizinischer Biometrie und Klinischer Epidemiologie habilitiert.


    Der Begriff «real world»-Evidenz tauchte bis 2012 kaum in Fachartikeln auf. Inzwischen gibt es über 3000 Publikationen dazu. Die Schweizer Arzneimittelbehörde Swissmedic akzeptiert «real world»-Evidenz als ergänzenden Nachweis bei der Neuzulassung von Arzneimitteln. Warum geht es in diese Richtung?


    Der Druck von Pharmafirmen, neue Medikamente zügig auf den Markt zu bringen, ist hoch. Immer mehr wurde die «Zumutung» kritisiert, vor der Markteinführung ausreichende Belege zum Nutzen zu erbringen. Die methodischen Anforderungen für «real world»-Evidenz sind niedriger, was im Allgemeinen zu positiveren Ergebnissen führt. Wohl jedes Pharmaunternehmen hat in den letzten Jahren Abteilungen für «real world»-Evidenz (RWE) geschaffen. Die Pharmaindustrie würde wohl kaum viel Geld in ihre RWE-Abteilungen investieren, wenn sie sich davon nicht Vorteile verspräche, also die Erwartung, dass RWE für ihre Arzneimittel bessere Ergebnisse zutage fördere als die randomisierten kontrollierten Studien. «Real World Evidence» wird dort als vielversprechender Trend angesehen. Wissend, dass sich damit Forschungsgelder generieren lassen, stürzen sich auch Wissenschaftler darauf. Das befördert die Entwicklung.


    Jetzt kommt aber das Zeitalter der «personalisierten Medizin», bei der zum Beispiel Gentherapien für jeden Patienten «massgeschneidert» werden sollen. Randomisierte Studien sind dann gar nicht mehr machbar, weil es dafür genügend Patienten braucht.


    Das «machbar»-Argument ist meistens vorgeschoben – aus Interesse oder aus Unkenntnis. Es gibt nur selten Konstellationen, wo man nach anderen Wegen als randomisierten-kontrollierten Studien suchen muss, um zu belastbaren Aussagen zu kommen. Man braucht nicht immer viele Patienten, um einen Nutzen nachzuweisen.


    Die Europäische Arzneimittelagentur EMA lancierte schon 2012 den Vorschlag, Behandlungen, die dringend benötigt werden, auf der Basis von wenigen Studiendaten zuzulassen. Die Firmen wurden verpflichtet, nach der Zulassung weitere Belege für den Nutzen zu erbringen, unter anderem mit «real world Daten». Wie gut funktioniert dieser Ansatz?


    Gar nicht! Von Seiten der Industrie und auch von Patientenverbänden kam starker Druck, speziell bei Krebserkrankungen. Patientengruppen hoffen auf neue Medikamente, die eine Lebensverlängerung oder Linderung versprechen. Daher verfolgen sie ähnliche Interessen wie die Industrie, wenn sie sich dafür einsetzen, dass Medikamente schnell auf den Markt kommen. In der Folge sind die Anforderungen für die Medikamentenzulassung schleichend abgesenkt worden. Aber die Firmen haben die bei der Zulassung bestehenden Evidenzdefizite nachher meist nicht ausgeglichen und die geforderten Beweise nicht erbracht. Denn nach der Zulassung läuft ohne massiven Druck nichts mehr, das muss man knallhart sagen. Daraus ergibt sich ein Problem: Man weiss über etliche Medikamente, wenn sie auf den Markt kommen, nicht viel – und danach wird es auch nicht besser. Wir verzichten zunehmend auf solide Forschung.


    Aber bis jetzt funktioniert das doch?


    Da man nicht genau hinguckt, weiss man es ja nicht. Unsere Arzneimittelregulierung basiert auf der Erfahrung mit Contergan. Ich wünsche mir wirklich, dass es nicht erst wieder eines Skandals bedarf, damit man aufwacht. Bloss höre ich den Wecker bisher nicht.


    Die Anforderungen bei der Medikamentenzulassung seien abgesenkt worden, sagen Sie. Woran machen Sie das noch fest?


    Die Anforderung, zwei Studien vorzulegen, wurde fallen gelassen; die Anforderung, vergleichende Studien vorzulegen, wird immer mehr aufgeweicht. Oder in den Studien werden beispielsweise nur Laborwerte gemessen, anstatt zu prüfen, ob das Medikament zu einer Verbesserung für die Patienten geführt hat. Solche sogenannten Surrogatendpunkte können in die Irre führen, denn nicht alles, was man im Labor entdeckt, ist automatisch förderlich für die Gesundheit. Das haben wir oft erlebt. 


    Zum Beispiel? 


    Früher verordnete man den Patienten nach einem Herzinfarkt den Wirkstoff Flecainid. Er hätte Herzrhythmusstörungen verhindern sollen. Die EKG-Aufzeichnungen haben diese Wirkung auch bestätigt. 


    Und was ergab die randomisierte kontrollierte Studie? 


    Dort hat man untersucht, wie es den Patienten geht. Das Resultat war, dass die Sterblichkeit bei den Patienten, die Flecainid erhalten hatten, höher war, verglichen mit denjenigen, die es nicht bekommen hatten. Die Studie musste abgebrochen werden. Das zeigt, dass man randomisierte kontrollierte Studien braucht, um Entscheidungen zu treffen, die man nicht bereut. 


    Bei sehr ernsten Krankheiten bleibt den Betroffenen aber nicht viel Zeit, um die Resultate einer jahrelangen Studie abzuwarten. Unter diesen Umständen sind viele bereit, auch Behandlungen zu versuchen, deren Nutzen noch nicht klar erwiesen ist. Was sagen Sie diesen Patienten?


    Dass man in so einer Lage versucht ist, nach einem Strohhalm zu greifen, ist verständlich. Auch die Ärzte möchten ihren Patienten solche neuen Wirkstoffe nicht vorenthalten. Das Bild vom Strohhalm hat aber ein grosses Problem: Die Alternative – zum Beispiel auf diese «Strohhalm-Behandlung» zu verzichten – könnte unter Umständen besser sein.


    Woran sollen sich Kranke in so einer Lage orientieren?


    Sie brauchen Antworten auf mehrere Fragen: Was ist die Grundlage dafür, dass diese Behandlung für sie gut sein soll? Was kann im schlimmsten Fall bei dieser Behandlung passieren? Was passiert, wenn sie diese Behandlung nicht machen? Gibt es andere Optionen? Wenn man die Antworten kennt, ist es meist nicht falsch, noch eine Nacht darüber zu schlafen und sich dann zu entscheiden.


    Was halten Sie davon, in der Forschung verstärkt «real world Daten» heranzuziehen?


    Wenn sie gut sind, können sie für bestimmte Fragen sinnvoll sein, zum Beispiel um zu schauen, was nach der Zulassung und der Kassenzulassung eines Medikaments tatsächlich passiert. Etwa, welche Dosis in der Praxis verordnet wird oder ob die Patienten das verordnete Medikament auch wirklich nehmen. Alle Fragen, die das «Wie» der realen Versorgung betreffen, wären interessant. Aber diese Art von Forschung macht kaum jemand, weil sie nicht «sexy» ist und die Qualität der Daten meist ungenügend. 


    Den Firmen geht es aber auch um den Nutzennachweis von neuen Medikamenten. 


    Um den Nutzen zu belegen, müssen Sie vergleichen, wie es den Patienten geht, die eine Therapie erhalten, und wie es denen geht, die diese Therapie nicht erhalten oder die zum Beispiel mit der bisherigen Standard-Therapie behandelt werden. Dafür sind die «real world»-Daten nicht geeignet, weil sie unvollständig und verzerrt sind. Faire Vergleiche kann man damit nicht machen.


    Helfen die Abrechnungsdaten der Krankenkassen, um den Nutzen eines Medikaments zu ermitteln?


    Nein. Abrechnungsdaten sagen nichts über den Zustand des Patienten aus. Sie sind auf «Abrechnung» optimiert. Wenn ein Spital mehr Geld erhält, falls ein Patient bestimmte Risikofaktoren hat oder nicht, werden diese Risikofaktoren anders bewertet. Faktoren, die hingegen zu einer Leistungskürzung führen könnten, werden dann eher nicht erfasst. Mit Hilfe von Abrechnungsdaten die Frage des Nutzens zu beantworten, ist ausgeschlossen.


    Wären nationale Krankheitsregister eine Lösung? Dort werden alle Kranken erfasst, die an einer bestimmten Krankheit leiden. 


    Diese Daten sind jedenfalls besser geeignet, um den Zustand von Patienten zu erfassen. Aber die für die Patienten bedeutsamen Punkte zum Nutzen eines Medikaments stehen nicht im Register. Wichtige Daten für die Nutzenbewertung eines Medikaments werden auch dort nicht erhoben. Zudem werden Faktoren, die das Ergebnis verzerren, dort nicht ausreichend erfasst. 


    Von Social Media bis zur Sozialversicherungsnummer hinterlassen wir überall Daten. Alle zusammen könnten doch ein besseres, vollständigeres Bild geben? 


    Die Idee, dass es nur mehr Daten braucht, um alles Mögliche zu klären, ist verbreitet und unausrottbar. Viele Daten führen aber nicht automatisch zu mehr Wissen. Denn es kommt nicht auf die Menge der Daten an, sondern auf die richtigen Daten und die richtige Forschungsmethodik. Um den Nutzen einer Behandlung zu ermitteln, braucht man einen fairen Vergleich: Wie wäre es dem Patienten in der gleichen Situation – aber ohne diese Therapie – gegangen? Das muss man herausfinden.


    Warum dann der Hype um die «real world»-Daten?


    Sie versprechen schnelle, «schlanke» Lösungen. Sie glitzern – wie «Des Kaisers neue Kleider». Aber wenn man sich den Outcome der «real world»-Forschung anschaut, ist er äusserst dürftig. Es gibt so wenig Projekte, die belastbare Aussagen erlauben, dass ich den Hype und die Begeisterung für «real world» nicht verstehe. Sie stossen überall auf gravierende, überwiegend vorhersehbare, offensichtliche Probleme. Die Versprechen und Erwartungen, die mit dem Schlagwort «real world» verbunden sind, sind vollkommen unrealistisch, die Glorifizierung solcher Daten unangebracht – und in nicht geringem Mass interessengeleitet.