Vogelgrippe – Naturkatastrophe oder Systemversagen

Tagtäglich breitet sich die hochansteckende Vogelgrippe inzwischen weltweit aus. Tausende verendeter Wildvögel sind zu beklagen – besonders spektakulär, wenn ein Kranich tot vom Himmel fällt. Ganz unspektakulär vollzieht sich dagegen das massenhafte Töten hunderttausender Hühner, Puten, Gänse und Enten hinter den Mauern der Agrarindustrie – ca. 1,5 Mio. sind es inzwischen allein in Deutschland. Und längst befällt das H5N1-Virus nicht nur Vögel, sondern auch viele Säugetiere, auch Haus- und Nutztiere.

Das Risiko für Menschen, sich zu infizieren, gilt zurzeit als relativ gering. Dazu bräuchte es sehr grosse Virusmengen und einen engen Kontakt mit infizierten Tieren, vor allem ihren Ausscheidungen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation gab es seit 2003 weltweit über 2600 Fälle, 1100 davon waren allerdings tödlich. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch mit dem Vogelgrippevirus H5N1 ist bislang nicht bekannt. Allerdings können sich solche Influenza-Viren rasch verändern und auch besser an den Menschen anpassen.

Das vorherrschende Narrativ ist: Das H5N1-Virus hat von Wildvögeln auf die industriellen Geflügel-Massenbetriebe übergegriffen, so auch das Friedrich-Löffler-Institut, das für die Überwachung des Vogelgrippe-Virus verantwortlich ist.

Kritische Natur- und Tierschutzorganisationen wie NABU, BUND und Wildtierschutz Deutschland e.V. bezweifeln das jedoch. Laut brandenburgischem Landesverband des NABU wurde das Virus bereits in fünfzehn Geflügelhaltungen in fünf Bundesländern amtlich festgestellt, bevor die ersten Kraniche starben. Die Entlüftungsanlagen der Betriebe und das Ausbringen des Geflügeldungs auf die Maisäcker könnten Verbreitungswege des Virus gewesen sein. Danach wären die Wildvögel also nicht die „Täter“, sondern die Opfer der Seuche.

Man muss außerdem zwischen zwei Varianten des H5N1-Virus unterscheiden: die stark krankmachende HPAI und die schwach krankmachenden LPAI. Letztere ist in den Wildvogelpopulationen verbreitet und ist nur sehr selten gefährlich für Vögel, für Menschen gar nicht.

Die gefährliche Variante ist in südostasiatischen Geflügelzuchtbetrieben aus der harmlosen Variante entstanden. Sie konnte unter den Bedingungen der industriellen Massentierhaltung, speziell in geimpften Geflügelbeständen entstehen: enge Raumverhältnisse, schlechte Durchlüftung, fehlendes Tageslicht, vorbeugende Antibioticagaben und mangelnde Hygiene erhöhen das Erkrankungsrisiko enorm. Und gegen Vogelgrippe geimpftes Geflügel wird selbst nicht krank, bleibt also unerkannt, produziert aber Viren und scheidet sie auch aus. So entstanden gefährliche Virusmutationen wie HPAI, die sich unerkannt verbreiten können. In der EU waren Impfungen gegen Vogelgrippe deshalb bis vor kurzem verboten.

Das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) hält jedoch an ihrer These fest, dass das H5N1-Virus hauptsächlich durch Zugvögel von Südostasien nach Europa importiert wurde. Nach Einschätzung von Wildtierschutz Deutschland e.V. „hat das FLI in den letzten 20 Jahren Geld und Energie darauf verschwendet, Beweise für die Wildvogelthese zu finden, anstatt effektive Strategien zu entwickeln, wie Wildvögel oder auch die Geflügelindustrie effektiv vor HPAI geschützt werden können.“

Statt einem gezielten Einsatz von wirksamen Impfstoffen und Auflagen für die Massentierhaltung geht die massenhafte Tötung von gesunden Vögeln weiter – auch wenn auch nur ein einziger Verdachtsfall im Umfeld eines Betriebs vorliegt. Freilandgeflügelhalter werden mit Stallpflichten oft genug zum Aufgeben gedrängt. Das betrifft besonders Klein- und Mittelbetriebe sowie die Bio-Landwirtschaften.

Es ist ein offensichtliches systemisches Versagen von Politik und Behörden. Und die Barbarei in der Geflügelindustrie wird zum wirtschaftlichen Normalzustand erhoben…

Kasten:

Ein weiterer beunruhigender Aspekt ist die „gen-of-function-Forschung“ an hochansteckenden Vogelgrippe-Viren in Hochsicherheits-Labors. Sie wurde damit begründet, das Risiko für eine menschheitsbedrohende Vogelgrippe-Pandemie zu erforschen. Die Übergänge zur Biowaffen-Forschung sind dabei fließend. Auf Grund der Proteste zahlreicher US-Wissenschaftler wurden diese Forschungsprojekte vor einigen Jahren gestoppt.